Ziele

Das Ziel von Social Phobia Research liegt in der Aufklärung der biologischen Ursachen sozialer Ängste und insbesondere des Krankheitsbilds der Sozialen Phobie, und der Interaktion dieser biologischen Voraussetzungen mit individuellen Entwicklungsbedingungen.

Jeder Mensch kennt Ängste in sozialen Situationen, z.B. abgelehnt zu werden, zu versagen oder sich zu blamieren. In moderatem Ausmaß sind diese normal. Bei einer Sozialen Phobie sind diese Ängste jedoch derart stark und häufig, dass die Betroffenen in der Ausübung ihres Berufs, in Freizeitaktivitäten und in Unternehmungen mit der Familie stark beeinträchtigt sind (s. Symptome und Behandlung).

Gene und Umwelt beeinflussen sich gegenseitig
Die Frage, welchen Anteil genetische Faktoren einerseits und Erziehung oder die persönliche Lebensgeschichte andererseits an der Entwicklung von Angststörungen haben, lässt sich bis heute nicht exakt beantworten. Inzwischen wissen wir, dass es sich nicht um ein entweder-oder handelt, sondern dass beide Faktoren von Bedeutung sind und sich gegenseitig beeinflussen. Sicher ist, dass die Soziale Phobie, welche häufig schon im Jugendalter auftritt, zu den Angststörungen gehört, die stark (bis zu 50%) von genetischen Faktoren beeinflusst sind. Wie hoch das persönliche Risiko für eine Soziale Phobie ist, hängt also ganz wesentlich von dem individuellen Gen-Mix ab, den wir von Geburt an in uns tragen. Umweltfaktoren und Lernerfahrungen können beeinflussen, welche Gene "an- oder abgeschaltet" werden, und ob wir lernen, mit einer Veranlagung zur Ängstlichkeit umzugehen und diese zu bewältigen. Die Gene, die der Sozialen Phobie zugrunde liegen, sind allerdings noch nicht bekannt.
Menschen mit einer Sozialen Phobie zweifeln oft an sich selbst und fragen sich, ob ihre Angst vor sozialen Situationen, die andere scheinbar problemlos bewältigen, Folge mangelnder Entschlusskraft oder persönlicher Schwäche ist. Für sie kann es entlastend sein, zu erfahren, dass es eine genetische Veranlagung zur Entwicklung sozialer Ängste gibt, die es ihnen besonders schwer macht, solche Situationen zu meistern.
Die rasante Entwicklung moderner Techniken in der Humangenetik bringt uns dem Ziel, die Ursachen vieler Erkrankungen besser zu verstehen, mit großen Schritten näher. Weil das menschliche Genom aber aus Abertausenden von Genen besteht, erfordert dieses Ziel für jede Erkrankung aufwändige Untersuchungen an einer sehr großen Zahl von betroffenen Personen.

Neue technische Möglichkeiten
Die Sozialen Phobie ist eine multifaktorielle Erkrankung, d.h. die genetischen Grundlagen liegen nicht nur auf einem, sondern entstehen durch das Zusammenspiel mehrerer Gene (s. Genetische Grundlagen). Die Strategien für die Analyse multifaktorieller Krankheiten haben sich mit den wissenschaftlichen und technischen Fortschritten fortlaufend geändert. Seit etwa 5 Jahren können multifaktorielle Krankheiten erstmals durch sog. genomweite Assoziationsanalysen (GWAS) erfolgreich aufgeklärt werden. Im Rahmen von Social Phobia Research planen wir die Durchführung dieser derzeit modernsten molekulargenetischen Untersuchungsmethode, die wir im Weiteren genauer erklären möchten.

Genetische Assoziationsanalysen
Genetische Assoziationsanalysen werden an großen Kollektiven von betroffenen Personen und nicht betroffenen Kontrollpersonen durchgeführt (sog. Fall-Kontroll-Untersuchungen). Es wird untersucht, ob eine bestimmte genetische Variante häufiger bei Betroffenen als bei Kontrollpersonen vorkommt. Ist dies der Fall, stellt sie die Risikovariante dar. Bei genomweiten Assoziationsstudien (GWAS) werden bis > 1 Mio. genetische Varianten untersucht, die in konstantem Abstand über das Genom verteilt liegen. Hierfür sind sehr große Kollektive nötig (zum Beispiel > 1.000 Patienten und > 1.000 Kontrollen). Jede einzelne Risikovariante ist nämlich auch bei gesunden Kontrollpersonen vorzufinden. Deshalb möchten wir möglichst viele Betroffene bitten und motivieren, sich zu beteiligen.
Wichtig ist, dass es bei diesen Genomanalysen nicht darum geht, persönliche Eigenschaften einer einzelnen Person zu untersuchen. Dies ist bei unserem Forschungsansatz nicht das Ziel und auch gar nicht möglich. Vielmehr werden die Daten der gesamten Stichprobe gemeinsam analysiert, um Erkenntnisse über das Krankheitsbild zu gewinnen. Wer im Einzelnen an der Untersuchung teilgenommen hat, lässt sich aus den zusammengefassten Daten nicht erkennen. Wenn mit Hilfe von Social Phobia Research wichtige Genvarianten entdeckt worden sind, wird es im nächsten Schritt möglich sein, zu untersuchen, welche Funktion diese Varianten innerhalb der Zelle und des Körpers haben. Hierbei handelt es sich um eine interdisziplinäre Forschungsarbeit, an der viele unterschiedliche Forscher (z.B. Biologen, Ärzte) beteiligt sein werden.

Zusammenspiel von Genen und Umweltfaktoren
Die Aufklärung genetischer Ursachen ist ein wichtiger Baustein für das Verständnis der Sozialen Phobie. Ob und wie soziale Ängste sich entwickeln, hängt aber auch ganz entscheidend von den individuellen Entwicklungsbedingungen ab. Wir wollen deshalb zusätzlich Informationen über positive und negative Bedingungen und Ereignisse im Leben der Betroffenen erheben, um besser zu verstehen, welche Rolle diese bei der Entstehung der Sozialen Phobie spielen und wie sie mit den genetischen Grundlagen zusammenwirken.

Neue Therapien?
Das langfristige Ziel von Social Phobia Research ist, durch die Untersuchung der Ursachen einer Sozialen Phobie zum Verständnis und zur Akzeptanz dieser Erkrankung ebenso wie zur Entwicklung möglicher neuer Therapien beizutragen.